Über ein Jahrzehnt hat es die Politik nicht fertig gebracht, den dringend benötigten Ausbau der Kapazität im Medizinstudium voranzubringen. Jedes Jahr werden hunderte talentierte Jugendliche mit der Numerus Clausus Prüfung vom Medizinstudium abgewiesen, obwohl sie als Arzt auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht werden. Stattdessen rekrutiert die Schweiz die Hälfte der benötigten Ärzte im Ausland und setzt eine Migrationsbewegung in Gang, bei der am Schluss den wirtschaftlich schwachen Ländern die Ärzte geklaut werden.

Dieses Thema hat mich in die Politik gebracht: In 2011 habe ich gut 20 Mitstreiter gefunden zur Lancierung einer eidg. Volksinitiative. Mit der Initiative sind die zuständigen Instanzen in die Gänge gekommen und seit Juli 2016 scheint sich die Situation erfreulicherweise gewendet zu haben – die Anschubfinanzierung des Bundes in der Höhe von CHF 100 Mio. beginnt zu wirken: Neun Hochschulen haben mittlerweile Ausbaupläne im Medizinstudium bekannt gegeben. Ich wünsche gutes Gelingen und werde das Thema weiterhin kritisch beobachten.

 

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Zuletzt aktualisiert am 14. September 2016. Für Kontakt und Anregungen: mail(at)daniel-haeuptli.ch

 

Risiken und einschränkende Wirkung der Ausbaupläne

  • Universitäten Lausanne und Genf: In Zusammenarbeit mit der ETH Lausanne soll eine Passerelle ETH-Bachelor-Absolventen ermöglichen, einen Medizin-Master anzuhängen. Diese Massnahme ist höchst erfreulich, um die Anzahl von Medizinern mit einem guten wissenschaftlichen und technischen Hintergrund zu erhöhen und die Innovation zu fördern. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass diese ca. 25 Studienplätze den Ärztemangel lindern und die Kapazitätslücke schliessen werden: Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass diese Studierende nie in einer Arztpraxis oder als Arzt in einem Spital arbeiten werden. Marc Eich des Medizinstudentenverbandes sieht es ähnlich: Medizinstudenten heben den Mahnfinger (NZZ)
  • Tessin: Bereits 2012 wurde angekündigt, dass ab 2014 Studienplätze für 100 angehende Ärzte geschaffen werden (TagesAnzeiger 9.11.2012: Zürich und Tessin planen ein gemeinsames Medizinstudium ab 2014). Dieses Projekt ist heute noch nicht realisiert und zeigt deutlich, dass alle aktuellen Ausbaupläne mit einer gewissen Skepsis zu beobachten sind.

 

Ordnung im Zahlensalat

  • Der Ärztebedarf im Bericht des Bundesrates ist unter Berücksichtigung des Zulassungsstopps berechnet. Es können nicht beliebig neue Ärzte-Praxen eröffnet werden, sondern die Kantone haben eine Maximal-Grenze der Anzahl Ärzte definiert. Der Zulassungsstopp soll den Anstieg der Kosten für das Gesundheitssystem (Krankenkassenprämien) bremsen.
  • Dargestellt ist die Abschlusskapazität pro Jahr, d.h. die Anzahl neu erteilter Ärztediplome an Studienabgänger. Die Kapazität bei Studienbeginn ist deutlich höher (ca. 1’600), weil an den Universitäten Lausanne und Genf keine Numerus-Clausus-Prüfung durchgeführt wird. Stattdessen findet in Lausanne und Genf die Selektion zum Medizinstudium anhand der Prüfungen in den ersten zwei Jahren statt.
  • Die Schaffung zusätzlicher Studienplätze in Medizin zeigt erst mit einer Verzögerung eine Wirkung bei der Abschlusskapazität, da ein Medizinstudium in der Regel 6 Jahre dauert.

Quellen

Ausbildung Humanmedizin: Systemische Analyse und Empfehlungen – Schlussbericht (Prof Dr. Antonio Loprieno), S. 5.

NZZ vom 2.7.2016

Medienmitteilung Kanton Zürich

 

Die Entstehung der Volksinitiative

Das Thema Ausbildungskapazität im Medizinstudium hat mich in die Politik gebracht. Ärztemangel und die Zulassungsprüfung Numerus Clausus sind ein Widerspruch in sich. Interesse am Thema erhielt ich durch Gespräche mit Medizinstudenten im Bekanntenkreis. Es kam in lockeren Feierabendrunden immer wieder die Frage auf, warum mit dem Numerus-Clausus-Test talentierten Jugendlichen der Zugang zum Medizinstudium verwehrt wird, obwohl sie auf dem Arbeitsmarkt als Arzt dringend gebraucht werden. Das war der Ausschlag, die Sachlage fundiert zu analysieren.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Ausbildungskapazität im Medizinstudium ist viel zu tief. Nur rund 50% der neuen Ärzte werden in der Schweiz ausgebildet. Aber nicht nur die Schweiz bildet weniger Ärzte aus, als sie beschäftigt. Dies gilt für die allermeisten Industrieländer. Dadurch wird eine Ärzte-Migration in Gang gesetzt. Wohlhabendere Länder klauen wirtschaftlich schwächeren Ländern die Ärzte. Die Weltgesundheitsorganisation hat dieses Problem erkannt. Das war Grund genug, das Problem nicht weiter nur unseren Politikern zu überlassen.

Zusammen mit einer heterogenen Gruppe junger Stimmberechtigten, einem Patronat aus über 50 Chefärzten und Spitaldirektoren und wertvoller Unterstützung durch einen Jus-Professor haben wir mit einer eidg. Volksinitiative auf das Problem aufmerksam gemacht und mit einer parlamentarischen Initiative einen Lösungsansatz ins nationale Parlament gebracht. Seither gab es vielversprechende Entwicklungen und der Bundesrat, die Kantone und allen voran die Gesundheitsdirektorenkonferenz der Kantone (GdK) bemüht sich um mehr Ausbildungsplätze im Medizinstudium.

 

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Blick vom 26. März 2013 über meinen Plan die Ausbildungskapazität im Medizinstudium zu erhöhen…